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Neben den Musikanten, die durch die Welt zogen, um ihr Brot zu verdienen, jedoch am Ende oftmals wieder zurück nach Essweiler kamen, haben  viele Familien Eßweiler für immer verlassen. Gründe dafür waren, neben Hungersnöten, dass unser Raum von den Kriegen des 17. und 18. Jahrhunderts besonders schwer betroffen war. 

Ab 1700 wanderten viele Menschen nach Osteuropa und nach Übersee aus. Allein im besonders kalten Winter von 1708/09 verliessen mehr als 14.000 Pfälzer Hof und Äcker und versuchten in Amerika ihr Glück. 
Aus Eßweiler sind aus dieser Zeit die Familien von Daniel und Peter Staudt zu nennen, die zu Stammvätern grosser Familien in den USA wurden. Sie erreichten am 09. September 1738 mit dem Schiff "Glasgow" Philadelphia. Informationen über Daniel Staudt und seinen Verbleib finden sich in der PDF-Datei "Descendents of Daniel Stout".


Strassenschild in São Paulo

Die Auswanderer orientierten sich aber nicht nur nach Amerika, sondern auch nach Südost- und Osteuropa. Ab 1726 wanderten viele Pfälzer Familien in das Gebiet von Donau und Theiß, nach Ungarn und in das heutige Rumänien. Eine weitere Auswanderungswelle gab es um 1783 unter Kaiser Josef II. Diesmal zog es die Auswanderer nach Galizien, das bei der 1. polnischen Teilung von 1772 in den Besitz der K.u.K.-Monarchie gelangt war. Aus Eßweiler wurde am 30.08.1794 eine 7-köpfige Familie Jakob Zwick registriert, die nach Galizien ausgewandert ist.
Andere Auswanderer aus unserer Gegend, z.B. die Familie des Schreinermeisters Jakob Zwipp (oder Zwipf), ein Phillip Jakob Zwipp mit seiner Frau, Philippina Brauchler oder Anna Maria Welker, geborene Hartmann aus Eßweiler, zogen um 1790 nach Batschka. In den dort gegründeten Siedlungen wie Tscherwenka lebten zum grossen Teil Pfälzer. 
Vieleicht ist der oben genannte Jakob Zwick identisch mit Jakob Zwipp, da viele für Gallizien bestimmte Auswanderer später auch "umgeleitet" wurden.

Das Oberamt Lauterecken hat in dieser Zeit etwa ein Fünftel seiner Bevölkerung durch Auswanderung verloren. Diese erste Auswanderungswelle dauerte bis in die napoleonische Zeit. Erst durch eine Verfügung im Jahre 1816, in der alle Auswanderungen verboten wurden, versiegte der Strom für einige Jahre.

Im Jahre 1827 wanderten mehrere Familien aus der Pfalz und aus dem Hunsrück "heimlich" (siehe unten) nach Brasilien aus. Aus Eßweiler waren dies


Jose Guilger Sobrinho, letzter Bürgermeister von Santo Amaro, heute Teil von São Paulo

Die Auswanderer wurden in Amsterdam auf die Schiffe "Alexandre" und "Helena Maria" verteilt. Letzteres geriet im Ärmelkanal in einen Orkan und in Seenot. Die Passagiere wurden gerettet, verloren jedoch ihre gesamte Habe und verbrachten ein ganzes Jahr in Falmouth in England, bis sie 1829, finanziert durch die britische Regierung und durch Geld- und Sachspenden in England lebender Deutscher, die Reise nach Brasilien fortsetzen konnten (die Verpflegung und Unterbringung während des unfreiwilligen Aufenthaltes wurde übrigens durch die Stadt Falmouth und die "Society for the Relief of Foreigners in Distress" gesichert !).
Die erste Gruppe von der "Alexandre" und später deren Angehörige des Unglücksschiffes "Helene Maria" wurden nach Santo Amaro in der Nähe von São Paulo geschickt, wo sie eine deutsche Kolonie gründeten, die jedoch nicht lange Bestand haben sollte.
Eine detaillierte Beschreibung der Ereignisse und das weitere Schicksal der "Kolonie" Santo Amaro findet sich in  "Heimlich nach Brasilien" vom Friedrich Hüttenberger. Die Nachkommen der  Gilchers in Brasilien heissen heute Guilger. "180 Jahre deutsche Einwanderung in den Staat Sao Paulo" ist im Juni 2009 Anlass für eine Gedenkbriefmarke der brasilianischen Post und eine Wanderausstellung in São Paulo.

Zum Begriff der "heimlichen" Auswanderung ist folgendes zu sagen: Normalerweise musste für eine Auswanderungserlaubnis ein Behördenmarathon mit nicht unbeträchtlichen Gebühren für alle notwendigen Dokumente und Bestätigungen hingelegt werden, da der Obrigkeit in der Regel nicht sonderlich viel daran lag, weitere steuerpflichtige Untertanen zu verlieren. Schneller, billiger und unbürokratischer, wenn auch illegaler, ging das Ganze vonstatten, wenn man auf eine Auswanderungserlaubnis pfiff und sein Hab und Gut privat verkaufte und sich heimlich davonmachte (an eine eventuelle Rückkehr dachten wohl die Wenigsten).

Als in der Zeit zwischen 1847 und 1854 eine grosse Hungersnot auftrat, setzte eine weitere Auswanderungswelle ein. Viele verliessen die Westpfalz in Richtung Polen, Brasilien und Nordamerika. Bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts gab es nennenswerte Auswanderungen aus Eßweiler und der gesamten Westpfalz. Viele Wandermusikanten fanden auf ihren Reisen bessere Anstellungen und kehrten nicht zurück.

Beispiele:

Quellen:

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