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Der schottische Musikwissenschaftler George B. Gardiner (1853 - 1910), ein bedeutender Sammler britischer Volksmusik, wurde nach eigenen Angaben von deutschen Musikkapellen, die in seiner Jugend in seiner Heimatstadt Edinburgh spielten, beeinflusst. Sie weckten in ihm seine Liebe zur Musik.

Besonders die Kapelle von Michel Gilcher begeisterte den Jungen. 1895 besuchte er deshalb Gilcher in Eßweiler und traf dort weitere Musikanten. Über diesen Besuch im Musikantenland verfasste er 1902  für "Blackwood's Edinburgh Magazine" diesen interessanten Artikel.

Dieser Artikel

Der vorliegende Artikel wurde von George B. Gardiner im Jahre 1902 für "Blackwood's Edinburgh Magazine" verfasst. Neben allgemeinen Informationen über das westpfälzer Wandermusikantentum behandelt er ausführlich Gilchers Kapelle und deren Musikrepertoire und, sehr lesenswert, Gardiners Erlebnisse in Eßweiler und die Lebensweise dort am Ende des 19. Jahrhunderts.

George B. Gardiner

George B. Gardiner


Artikel aus Blackwood's Edinburgh magazine, Volume 172, October 1902

Soweit sich der Verfasser erinnert, lag das goldene Zeitalter der Straßenmusik in der schottischen Hauptstadt in den siebziger und der ersten Hälfte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Piano-Organ (Klavier-Orgel) war noch nicht eingeführt und bedürftige Neapolitaner noch nicht damit ausgerüstet und damit beschäftigt, unsere Ohren mit dem Lärm der Frivolitäten aus den Londoner Theatern und Musikhallen zu beschallen. Die klassische Drehorgel erinnerte uns gelegentlich daran, auf eigenen Füssen zu stehen („paddle our own canoe“)1, oft war sie geladen mit Stücken wie „The Old Hundred“, „Auld Robin Gray“ oder opernhaften Melodien wie der aus Halevy's „La Juive“, das so exquisit für Klavier von Stephen Heller arrangiert worden ist.

Das musikalische Feld war auch von deutschen Kapellen bestellt, guten, schlechten und mittelmäßigen. Zu dieser Zeit spielten fünf oder sechs von ihnen in Edinburgh und eine entsprechende Anzahl in anderen größeren Städten. Auf den folgenden Seiten beschäftige ich mich mit einer deutschen Kapelle mit außerordentlichen Vorzügen. Es ist die Blaskapelle von Michael Gilcher aus Eßweiler aus der bayrischen Rheinpfalz, die zwischen 1867 und 1872 in den Straßen von Edinburgh spielten.

Als Kind folgte ich den Musikern über Stunden mit der Rücksichtslosigkeit des Musikliebhabers. Ich studierte ihre Bewegungen und beobachtete, dass sich die Kapellen so regelmäßig wie die Bahnen der Planeten bewegten, ich kannte ihre Schritte so genau, dass ich sie zu jeder Tageszeit finden konnte. Montags morgens, nachdem sie mit polierten Instrumenten aus ihren heruntergekommenen Quartieren auf­tauchten, begannen sie ihre wöchentliche Runde am York-Platz. Mittwochs abends, nachdem sie dem rauchenden Publikum vor einem Tabak-Laden aufspielten, gaben sie Robert Louis Stevenson ein Abendständchen. Danach zogen sie ein Stück weiter vor das Haus von Mr. (nun Sir Alexander C. ) Mackenzie2 und bevor sie ihre Darbietung begannen, fragten sie nach, ob sie ihn nicht bei sei­ner Arbeit unterbrechen würden. In den späten Sommerabenden konnte man sie dann vor einem großen Publikum in der Princes Street oder einer angrenzenden Straße hören.


Das Programm, das meine Freunde aufführten, bestand normalerweise aus 3 oder 4 Stücken: Einer Ou­vertüre, ein Stück aus einer Oper, eines Walzers und einer Polka. Ihr Repertoire war bemerkenswert. Die Liste der 20 Ouvertüren umfasste nicht nur leichte Kompositionen wie die Ouvertüren von „Tancredi“, „Nora“ oder „Der Barbier von Sevilla“, sondern auch Auber's „Masaniello“3 und Mozarts „La Clemenza di Tito“, die auch für professionelle Orchester anspruchsvoll sind.

Der Opernteil umfasste alle italienischen Opern sowie die bekanntesten französischen und deutschen Opern. Umsonst oder für ein paar Pfenni­ge konnte man die schönsten Arien aus „Il Trovatore“, „La Traviata“, „Lucrezia Borgia“, „Le Prophete“, „Der Freischütz“ oder der „Zauberflöte“ genießen; aber Herr Gilcher ging noch weiter und erfreute seine Zuhörer mit Melodien aus „Attila“, „Belisario“ und „Anna Bolene“. Obwohl diese frühen italienischen Opern durch ihre magere Orches­trierung, ihrer Zusammenhanglosigkeit und der fehlenden künstlerischen Einheit von den Bühnen verschwunden sind, ist es doch bedauernswert, dass die wunderschönen Melodien, die sie enthalten – gut abgestimmt auf die tragenden Stimmen von Klarionette, Trompete und Posaune – nur noch im Pro­gramm unserer Militärorchester als Teil der momentan populären komischen Opern enthalten sind. Als Zugabe zu einem witzigen Libretto, aufgeführt von hübschen Gesichtern in Kostümen in einer schönen Szenerie, sollte diese leichte Musik in den Theatern überdauern, es erscheint jedoch sinnlos, wenn 30 gestandene Männer einer Militärkapelle ihren Atem dafür verschwenden.

Im Bereich der Tanzmusik war Herr Gilcher nicht weniger anspruchsvoll. Weit entfernt den vulgären Ge­schmack zu begünstigen, war er bemüht, wie Mr. Lowe4, seine Könner zu erziehen. Die Platitüden und Banalitäten der englischen und französichen Schule verachtend, beschränkte er sich hauptsächlich auf den klassischen Walzer von Lanner, Labitzky, Strauss und Gungl – Kompositionen zu denen unsere Mütter und Großmütter als Mädchen tanzten, die heutzutage aber, wegen ihrer Schwierigkeit vernach­lässigt, nur noch in Österreich, ihrer ursprünglichen Heimat, gehört werden können.
Der gute, alte Wal­zer ist mehr als ein Antrieb der dich zum Tanzen bringt: Er kommt vom Herzen und er führt zum Her­zen; auf ihn mag das Zitat von Hans Andersen - „Wo Worte fehlen spricht die Musik“ - ausgelegt sein. Ich werde nie den enthusiastischen Beifallssturm vergessen, der sich beim letzten Konzert, das Johann Strauss in Leipzig gab, erhob. Als er den Dirigentenstab beiseite legte riefen tausende Stimmen „Donau, Donau“ („Die blaue Donau“), und der Kapellmeister durfte die Bühne nicht eher verlassen, bis er auch sein Meisterstück aufführte. Ein anderer Walzer, „“Der Schönbrunner“ von Lanner, ist den Wienern so teuer wie „Auld Lang Syne“ den Schotten, und oft schunkeln ganze Biergärten beim zweiten Satz mit.
Lanner wird repräsentiert durch „Die Kosenden“, Labitzky durch „The Bedford“ und „The Essex“, und Johann Strauss durch viele seiner neusten Walzer, aber auch durch Werke aus sei­nen früheren Perioden wie „Der Lockvogel“ oder „Der Volkssänger“, einem Ländler. In Gungl's Kompo­sitionen war Herr Gilcher der Spezialist. Er spielte natürlich viele bekannte Walzer wie „Soldatenlieder“, „Hydropaten“ und die „Amorettentänze“, die Experten als die am besten instrumentierten Werke von Gungl ansehen; aber sein musikalisches Repertoire enthält nicht wenige ältere Walzer von einzigartiger Schönheit und Ausdruckskraft, die leider heute fast vergessen sind. Zu erwähnen sind „Terpsichons Schwingen“, Fleurs de Fantaisie“, „Immortellen“, zum Gedenken an Johann Strauss der Ältere, und „Wanderlieder“, dessen Melodie vom Anfang bis zum Ende sehr geschlossen ist.


Die kleine Kapelle hatte 8 Mitglieder. Die Instrumente: zwei Klarinetten, eine Flöte, ein Kornet, eine Belgische Posaune, zwei französische Hörner und ein Bass. Ein oder zwei Mitglieder waren schwächer, aber der süße, reife Klang der B-Klarinette und der Posaune erweckten den Neid vieler guter Musiker; und der Junge, der die Flöte spielte, wurde später Flötist im Boston Symphony Orchestra, das einst von Georg Henschel geleitet wurde. Herr Rumpf spielte auf der Klarinette mit viel Ausdruckskraft „Roberto, Ohl tu che adorno“ von Meyerbier und „Ernani, Ernani, Involami“ von Verdi, und mit dem Es-Klarinettenspieler das berühmte „Mira, O Norma“. Zwei bevorzugte Stücke des Posaunisten waren eine Cavatina von Gagliardi und „Tutto e sciolto“ aus „La Somnambula5“. Das kurze Duett zwischen Klarinette und Posaune in der Einleitung von Harriot's „Zora Walz“ kann kaum von professionellen Musikern übertroffen werden. Auch der Gesamteindruck war exzellent. Mit großem Geschick wurden die Musikstücke – auch wenn sie ursprünglich für große Militärkapellen oder als Klavierstücke geschrieben worden waren - so angepasst, dass viel von ihrem ursprünglichen Charakter erhalten blieb.

1872 wechselte die Kapelle dann plötzlich hinüber nach Amerika und ich war untröstlich. Ich war ein so begeisterter Anhänger meiner acht Musen, dass ich bereits ihr gesamtes Repertoire auswendig konnte; und manche Erinnerung war mit ihrer musikalischen Geschichte verknüpft6.


Als wahrer Fan konnte ich nicht zufrieden sein, bis ich die Titel der Stücke entdeckt hatte, die sie gespielt haben, um mir die Klavier-Arrangements zu beschaffen als Erinnerung an die Auftritte der Kapelle. Manche Titel erfuhr ich von den Musikern selbst, manche habe ich nie gefunden, andere habe ich nur unter Schwierigkeiten entdeckt. Ein oder zwei Beispiele mögen meine Probleme illustrieren.
Als ich Jahre später Noten mit einem Musikfreund verglich, fand ich zu meiner Überraschung heraus, dass der erste Satz eines meiner gesammelten Walzer identisch mit dem dänischen Volkslied „Necken“ war. Der Versuch, einen Walzer, der auf diesem Thema basiert, in Kopenhagen zu beschaffen, schlug jedoch fehl. Weitere Versuche, die ich zu Hause unternahm, waren ebenso erfolglos. Schließlich erkannte ein Musikhändler meine Noten als englischen Walzer, der 30 Jahre zuvor veröffentlicht worden war. Meine Nachfrage in London ergaben „The Waterspite Walz“ von Coote, inspiriert vom Lied des Meergottes.
Bei einem anderen Walzer, den ich in einem Theater hörte, ergab die Nachfrage beim Orchester, das es sich um „The Petvot Walz“ handeln würde. Mit diesem nicht sehr aussagekräftigen Namen versuchte ich vergebens, eine Kopie zu beschaffen. Als ich den Walzer erneut hörte bat ich meinen Informanten den Namen aufzuschreiben. Daraus ergab sich, dass es sich um „The Bedford Waltz“ handelte, was er als Ausländer als Petvot deutete.
Es dauerte bis 1895 bis ich zufällig auf den Titel eines auffälligen Marschs stieß, den ich außer von der Kapelle Gilcher nirgends mehr gehört hatte. Brahm's Tänze und Liszt's Rapsodien erweckten in mir die Liebe zu ungarischer Musik, und die Liebe wuchs zur Passion als ich das fantastische Feuer und den Rhythmus der Kapelle hörte, mit der Herr Barcza so oft unser Land besuchte. Um die ungarische Musik weiter zu erkunden besuchte ich Budapest, wo ich, neben vielen ungarischen Schätzen, zufällig eine Sammlung von 5 revolutionären Märschen aus der Zeit Kossuth's7 kaufte. In diesem kleinen Buch entdeckte ich nach 23 Jahren meinen Lieblingsmarsch, das trotzige „Jasz Kun“ aus der Provinz Cumania in Ungarn. Auf deutsch heißt er „Die Sensenmänner“ bzw. auf englisch „The Scythemen“, nach den Waffen mit denen die Bauern bei der Revolution von 1848 kämpften.


Als ich im Sommer 1895 von Edinburgher Straßenmusikanten hörte, dass mein alter Kapellmeister und sein Schwager Jakob Gilcher aus Amerika zurückgekommen waren und sich in ihrem Heimatort niedergelassen hatten, beschloss ich eine Pilgerreise zu den Überbleibseln derjenigen Kapelle zu machen, die mich als erste mit der Liebe zur Musik infiziert hatte.
Von Kaiserslautern in der Pfalz, 50 Meilen südwestlich von Mainz, reiste ich an einem schönen Septembermorgen nach Wolfstein im wunderschönen Lautertal. Die Lauter fließt durch anmutiges Wiesenland, flankiert von Basalt- oder Sandsteinbergen, die bis zu den Gipfeln von Nadelwald bedeckt sind. Wein wächst häufig an den unteren Hängen, und eine erträgliche Sorte hat seinen Namen von der Musikanten-Hauptstadt Wolfstein, malerisch am Fuß des 1700 Fuß hohen Königsbergs gelegen. Eine Römerstraße nach Moguntiaoum (Mainz) verläuft über die Höhe des Königsbergs, und die ganze Umgebung ist reich an Antiquitäten, von denen viele ins Museum in Speyer gebracht worden sind.
Herr Gilcher, mittlerweile Bürgermeister von Eßweiler, erwartete mich wie vereinbart am Bahnhof in Wolfstein, und in seinem erwartungsvollen Blick erkannte ich meinen Freund als rüstigen alten Mann von über 70 Jahren, mit schneeweißem Haar, Schnurr- und Napoleonbart, so aufrecht und imposant wie ein General. Nachdem wir die Hände geschüttelt hatten sagte er „Ich verstehe kaum wen ich als Gast begrüßen darf.“. Ich antwortete „Ich bin der Junge der vor 25 Jahren ihrer Kapelle in den Straßen von Edinburgh folgte. Alles was sonnig und wonnig war in meiner Jugend hängt mit der Kapelle Gilcher zusammen.“ (All that was sunny and happy in my youth is bound up with Gilcher’s band.)

Wir überquerten die Schienen zum Gasthaus Schneider und sprachen bei einem Glas Wolfsteiner über vergangene Zeiten; und als ich die alten Lieder sang oder pfiff war Herr Gilcher stolz darauf, dass er in Edinburgh nicht vergessen war. Ein wettergegerbter Landmann mit wildem schwarzen Bart, Quäkerhut, und der Ausstrahlung eines Kolonialisten sprach mich in gutem Englisch an und drückte seine Überraschung über mein gutes Musikgedächtnis aus. Ich antwortete ihm dass ich, obwohl ich kein Musiker sei, die Musik doch liebgewonnen hätte.

"Wo haben Sie so gut Englisch gelernt?“ fragte ich ihn.
„In Liverpool, Sir.“
„Und was machten Sie dort?“
Er schaute zum Bürgermeister und antwortete „Ich war 14 Jahre in Liverpool im Musikgeschäft wie der Bürgermeister, Sir.“

Um 11 Uhr, ziemlich spät für eine Mahlzeit in einem Landstrich, in dem die Bauern bereits um 4 Uhr mit der Arbeit beginnen, um die Mittagshitze zu meiden, hatten wir ein einfaches aber ausgezeichnetes 5-gängiges Stammessen mit Wein, für das mein Gastgeber 1s 2d8 pro Person zahlte. Da es in Wolfstein keine Droschken gab, bestiegen wir mit Hilfe eines Stuhls einen Leiterwagen, den der Bürgermeister besorgt hatte, nahmen unsere Plätze auf einer mit einem Teppich bedeckten Planke ein und fuhren los in Richtung Eßweiler, mit meinem Liverpooler Freund als Fahrer. Als wir uns so den Berg unter den Obstbäumen, die am Straßenrand standen, hochwanden, zeigten meine Freunde hier auf ein Bauernhaus und da auf einen Laden oder ein Gasthaus, in die das bescheidene Glück einiger Musikanten auf den Straßen von London, Chicago oder Melbourne investiert worden war.

Am Ortsrand von Eßweiler grüßten wir einen Edinburgher Musikanten, der auf Urlaub zu Hause war und gerade hemdsärmelig das Laub eines Baumes erntete. Nun dämmerte mir, dass ich „den Arsch der Welt“ erreicht hatte, die wahre Kinderstube und das Zuhause der deutschen Kapelle. Um zum Haus des Bürgermeisters am anderen Ende dieses Dorfes von Kleinbauern zu gelangen, mussten wir uns vorsichtig durch Rinder, Schafe, Hähne, Hühner und andere bäuerliche Hindernisse durchfädeln. Der Bürgermeister führte mich in sein Büro und zeigte mir das Archiv von Eßweiler. Dann wechselten wir in die „Gute Stube“ und ich wurde seiner Frau und seinen Töchtern vorgestellt, einfachen, aber freundlichen Landbewohnern.

Beim Nachmittagskaffee erzählte mir Herr Gilcher einiges aus seiner Lebensgeschichte. Nachdem er 1855 eine Saison in Genf spielte, war er mehrere Jahre Mitglied einer Kapelle, die im Süden Frankreichs spielte. Damals trainierte er sich auf seinem Instrument, der Klarinette, lernte auch die anderen Blasinstrumente und studierte die Musiktheorie so erfolgreich, dass er auch eine Oper mit dem Namen „Telemachus“ komponierte. Er reiste für kurze Zeit mit seiner Kapelle nach Nordspanien und fügte seinen Französischkenntnissen auch etwas Spanisch hinzu.
Southhampton war die erste englische Stadt in der er spielte; von dort fuhr er wieder und wieder mit seiner eigenen Kapelle mit auf den Dampfschiffen, die nach West-Indien pendelten. Man bot ihm eine freie Passage nach Australien an mit der Option, sofort zurück kommen zu können oder auch der Möglichkeit, dauerhaft in diese Kolonie überzusiedeln. Sie schlugen ihr Lager in Melbourne auf und teilten sich dort die Auszeichnungen mit den englischen Militärkapellen, und drehten von Zeit zu Zeit ihre Runden bei den Siedlern, die sie gastfreundlich einluden und nicht mit leeren Händen wegschickten.

Herr Gilcher kam 1867 mit 15 Mann nach Edinburgh. Er teile sie in zwei Kapellen zu 8 und 7 Musikern. Zuerst wirkte er als Apollo Musagetes9 in der größeren Kapelle, doch mit der Zeit blieb er im Hintergrund, trainierte seine Musiker und arrangierte neue Musikstücke. Die Anpassung eines einzigen Stückes beanspruchte oft den größten Teil eines Tages. Die Musiker liebten Edinburgh und genossen vor allem die Sommerabende, wenn sie vor dankbarem und aufgeschlossenem Publikum in oder in der Nähe der Princess Street auftraten. Während der Ferienzeit waren sie auf den Crinan und Oban Dampfern zu finden und gaben abends im Garten des Great Western Hotels in Oban Konzerte. Sie litten viel im strengen Winter der Belagerung von Paris, und manchmal froren ihre Instrumente ein wie das Posthorn bei Baron Münchhausen.

1872 zog es Herrn Gilcher nach Boston, wo er 30 Mann unter sich hatte. Sie spielten nur kurze Zeit auf den Straßen. Bald hatte er sich als Arbeitgeber etabliert, der Kapellen für Bälle, Gartenparties, Ausflüge und Prozessionen anbot. Am 4. Juli trat er immer mit allen seinen Musikern in Uniform auf, und mit neuen Effekten, die er in seinen Märschen einführte, überflügelte er seine amerikanischen Rivalen. „Wir besiegten sie alle“ sagte er. Zwei seiner Schüler stiegen von Musikanten zu Musikern oder Künstlern auf - sein Sohn, der Flötenspieler, der schon gestorben ist, und ein anderer, der im Orchester der Wagner-Oper in Bayreuth spielte.
1888 verließ er 4 seiner Söhne, die gute Positionen in Boston innehatten, und kehrte sachkundig nach Eßweiler zurück, begleitet vom Posaunisten, seinem Schwager Jakob Gilcher, mit dem er 40 Jahre auf Reisen gegangen war. Er kaufte ein Haus und einen kleinen Bauernhof, auf dem er seinen eigenen Wein anbaute, wurde Bürgermeister des Dorfes und genoss hohes Ansehen bei den Bewohnern der Gegend. Nun, da er im Ruhestand war, fühlte er die Langeweile der Freizeit und trauerte den Tagen seiner Geschäftigkeit nach, als es immer aufwärts ging. Ich erinnerte ihn daran, dass er in seinem arbeitsreichen Leben viel erreicht hatte und dass seine jetzige Arbeit im Amt des Bürgermeisters immer noch wichtig sei.

Wir statteten Herrn Kilian einen Besuch ab, dem Besitzer eines kleinen Gasthauses, von dem gesagt wurde, er sei der am weitesten gereiste Musikant im Tal. Unglücklicherweise hatte er seinen Arm gebrochen und ich konnte ihn nicht befragen. Er war ein wunderbarer Posaunenspieler und höchst unternehmungslustig und erfolgreich als Kapellmeister. 185810 machte er sich von Barcelona auf nach Madrid, wurde jedoch wegen der politischen Unruhen, die zur Vertreibung von Königin Isabella führten, gezwungen, den Rückzug anzutreten und Spanien zu verlassen. Im folgenden Jahr versuchte er, gemäß dem Rat von Auswanderern aus Eßweiler, sein Glück in Amerika. Seine Kapelle war eine der Ersten, die den Atlantik überquerten. Erste Erfahrungen machten sie, als sie sich einem Zirkus anschlossen und den ganzen Sommer durch die USA tourten. Danach war er in Australien und von dort besuchte er die chinesischen Häfen wie mir gesagt wurde; während einer Cholera-Epidemie beerdigten sie einen deutschen Arzt, einen gebürtigen Wolfsteiner. Im Dienst eines amerikanischen showmasters sah er viel von Indien und seine Reisen führten bis in die Nähe der Afghanischen Grenze.

Obwohl ich Herrn Kilian nicht sah hatte ich das Glück, seinen Bruder zu treffen – einen Mann von 80 Jahren, mit klaren Augen und einem ernsthaften, festen Auftreten. Als der alte Mann mich mit dem Bürgermeister über Edinburgh reden hörte, sagte er:

„Ich war ebenfalls in Schottland.“
„Wann waren Sie dort?“
„Ich glaube, das war vor Ihrer Zeit mein Herr.“
„Wann war das?“
„Zum ersten Mal 1842.“
„Ich muss bekennen daß Sie im Vorteil sind. Ich war 1842 noch nicht in Schottland. Was machten Sie dort?“
„Jahr für Jahr ging ich mit einer siebenköpfigen Kapelle dorthin und ich reiste zu Fuß bis nach Thurso.“ Er benannte dann genaustens die Küstenstädte nördlich von Inverness. Er erinnerte sich genau an Edinburgh – das Schloss, Carlton Hill und, seltsam, die Hinrichtungsstätte. Hier mischte sich der Bürgermeister ein. „ Ich könnte mir denken, dass du zu der Zeit von der Maul- und Klauenseuche hörtest.“
„Das hatten wir, aber wir versuchten durchzukommen.“
„Verdienten Sie viel in Schottland?“ fragte ich.
„Genug zum Leben und auch etwas für die alten Tage.“
„Was halten Sie von den Schotten?“
„Gute, fromme, aufrichtige Leute.“
„Wenn Sie eine so hohe Meinung von den Schotten haben, würden Sie ein Glas mit mir trinken?“
„Mit Vergnügen.“
„Was trinken Sie?“
„Kümmel, mein Herr.“

In meiner Erinnerung verknüpfte ich Kümmel mit teurem Essen, einem kleinen Glas mit einem hohen Preis; doch als die Bedienung für die beiden Gläser den bescheidenen Preis von 1d11 verlangte, war ich enttäuscht so wenig zur Anerkennung dieses interessanten Musikveteranen zu bezahlen, der ein so aufrichtiger Bewunderer meines Landes war.

Während dieser Unterhaltung ging Jakob Gilcher am Fenster von Kilians Gasthaus vorbei auf seinem Weg von seinen Feldern nach Hause, und ich erkannte ihn sofort an seinem wiegenden Gang. Als wir ihn besuchten, hackte er Holz in einem Schuppen. Ihm in die Augen blickend fragte ich

„Kennen Sie mich?“
„Nein.“
„Das ist kein Wunder, da wir uns seit 23 Jahren nicht mehr gesehen haben. Waren Sie jemals in Edinburgh?“
„Ja.“
„Erinnern Sie sich an das Haus des Östereicher Botschafters?“
„Ja.“

Da erinnerte er sich deutlich daran, wie er einst ein Haus mit einigen offenen Türen betrat, die Posaune in der Hand, und auf Deutsch mit den Leuten redete. Er deutete auf sein Haus und den Stall und sagte: „Sehen Sie das? Das habe ich von dem Geld gekauft, das ich auf den Strassen verdient habe.“

Nach einem frühen Abendessen führte mich der Bürgermeister mit einer Lampe in der Hand zu meinem Nachtquartier. „Verzeihen Sie, dass ich kein eigenes Zimmer für Sie habe“ sagte er und fügte in seinem reizenden altertümlischen Dialekt hinzu: „Sie wohnen im Gasthaus meines Schwagers, seiner Tochter und ihres Ehemannes.“ Ich dachte bei mir, dass das ein Puzzle ist, das nur eine alte Frau mit Kenntnissen in Ahnenforschung lösen könne, doch schließlich konnte ich die so weitschweifig gemachten Verwandschaftsbeziehungen doch auflösen. Eine größere Gesellschaft hatte sich um den Kartentisch des einfachen Gasthauses eingefunden, um mich zu treffen – die Gilchers, zwei Musikanten aus Edinburgh, der Lehrer und seine beiden Söhne und ein junger Bildhauer, der in seinem Urlaub nach Hause zurückgekehrt war. Drei Flaschen Landwein, bestellt zum Wohl des Hauses und auf die Gesundheit der Gesellschaft, kosteten die erstaunlich geringe Summe von 2s 6d12.

Von den jungen Männern erhielt ich viele kuriose Informationen, die ich in Bälde auch noch notieren werde. Im Augenblick legte ich mehr Wert auf meine musikalischen Nachforschungen, weswegen ich mich meinem Nachbarn, dem Posaunisten zuwandte, und ihn mit einem Potpourri von Klängen, darunter auch einigen seiner eigenen Solos, bedrängte. Der Rest der Gesellschaft, mehr am Preis von Kartoffeln, Pflaumen und Wein interessiert, war vom Anblick des Fremden, der pfiff und sang als wäre er verrückt geworden, erstaunt . Doch der Kapellmeister war mehr als erfreut vom Enthusiasmus seines Anhängers, und als ich sagte „Merken Sie nicht, dass ein verfluchter Engländer die Stücke besser kennt als der Kapellmeister selbst?“ schüttelte er sich vor Lachen.

Ein erfrischender Schlaf in einem Bett, das so sauber war wie eins in Holland, bereitete mich für einen frühen Kaffee vor. Als ich die Wirtin fragte, ob sie Englisch verstehen würde, antwortete sie mir im reinsten Yankee Akzent aus Boston, wo sie aufgewachsen war. Dann erschien ihr Vater Jakob und nahm mich mit zu seinem Haus um die Namen der Stücke herauszusuchen, die ich suchte. In der „Guten Stube“ zog er unter dem Bett einen Kleiderkorb hervor, der die Notenbücher der alten Kapelle enthielt, und legte sie auf dem Tisch aus.
Da waren sie wieder, die wettergegerbten Seiten, die ich zuletzt 1872 gesehen hatte, die in der glühenden Hitze Melbournes Blasen bekommen hatten und vom Regen Edinburghs und vom Schnee Amerikas bespritzt worden waren. Die Ecken eines Buches waren verbrannt. Als ich nach dem Grund fragte antwortete Jakob „Oh, das geschah bei einem Eisenbahnunglück in Amerika bei dem der Zug Feuer fing. Wir konnten unsere Bücher nur unter Schwierigkeiten retten.“
Trotz 40 Jahre langer Reisen in denen er jedem Klima ausgesetzt war, war er nie krank geworden; und er war auch mit 54 so geschmeidig, aktiv und glücklich wie mit 20. Während wir Seite für Seite durchgingen, sprang er von Buch zu Buch, je nach dem Instrument, dem die Melodie zugewiesen war, bis ich meine Melodie identifiziert und ihren Namen notiert hatte. Ich war überrascht wie selten manches Musikstück war. Es ist kaum zu glauben dass diese umherziehenden Musikanten Stücke von „Gemma di Vergy“ und Mercadante's „Erode“, eine Cavatine von Gagliardi oder Raritäten wie den „Cumanian March“ und Lanner's Walzer „Die Kosenden“ in ihrem Repertoire hatten. Eine Kapelle aus dieser Region spielte eine Auswahl aus „Demophoon“13
der ersten Oper, die Cherubini in Paris veröffentlichte; ein Werk das in Peters Edition auftaucht, jedoch niemals aufgeführt wurde, weder ganz noch teilweise. Möglicherweise waren solche Auswahlstücke zuerst aus Notenbüchern der Militärkapellen von Musikanten, die in der Armee dienten, kopiert und dann von Kapelle zu Kapelle weitergegeben worden.
Ich war enttäuscht zu hören, dass Jakob seine Posaune verkauft hatte und ich nicht das Vergnügen haben würde, ein Solo von ihm zu hören. Er war nun zu beschäftigt um sich mit Musik zu befassen.

„Haben Sie niemals das Verlangen zu Spielen?“
„Doch; manchmal kommen die alten Gefühle bei der Arbeit in den Feldern hoch, doch ich muss sie dann unterdrücken.“
„Ich kann Ihnen nie verzeihen, dass Sie ihr Instrument verkauften. Auch wenn es nützlich für Sie war, so ist es doch ein Verlust für alle anderen.“

Das 10-Uhr Frühstück, bestehend aus den Grundnahrungsmitteln des Bauern – einem Meer aus Schinken und Eiern mit Zubehör, regte jedoch nicht meinen Appetit für das „Henkersmahl“ an, das mich eine Stunde später beim Bürgermeister erwartete. Hier wurde mir in klassischer Gastfreundlichkeit ein Mahl aus fünf wunderbaren Gängen vorgesetzt, von denen der vierte, ein traditioneller Zwetschgenkuchen, wahrhaft gigantische Ausmasse hatte. Das Ganze wurde heruntergespült mit großzügig gereichtem Wein, den mein Gastgeber selbst angebaut hatte. Ich überlebte dieses diätische Abenteuer und betrachtete nach dem Essen Fotografien von Herrn Gilcher in seinem besten Alter als Leiter der Kapelle, die er nach Amerika führte, und der Zirkuskapelle, die Jakob bis nach Mexiko brachte.

Nachdem ich meine musikalischen Nachforschungen abgeschlossen und mich von der Familie verabschiedet hatte, besuchte ich mit dem Bürgermeister die gut ausgestattete Dorfschule. Danach kehrten wir zu meinem kleinen Gasthaus zurück um Jakob zu treffen, der in der Zwischenzeit für mich die wunderbare „Gemüts-Polka“ des Kapellmeisters kopiert hatte. Ein Brennerei-Vertreter tauchte auf und zwischen ihm und Jakob entbrannte eine lebhafte Diskussion, ob er 1 Mark 80 oder 1 Mark 90 für 50 kg Pflaumen zahlen sollte.
Ich musste mich schweren Herzens von dem alten Mann unter dem Versprechen trennen, dass ich auf jeden Fall wiederkommen und ihn besuchen würde, wenn ich nach Deutschland zurückkehren würde. Er versprach, dass ich willkommen wäre und fügte pathetisch hinzu „Wenn ich noch lebe.“ Zum Bahnhof wurde ich von Jakob, Herrn Matthias, einem Edinburgher Musikanten und dem Bildhauer begleitet. Bevor wir das Dorf verliessen nahm mich Herr Matthias noch in sein Haus mit, einem Modell für Sauberkeit, und ich sah dort ein Bild des Fleisses – drei oder vier junge Frauen waren mit Handarbeiten oder an der Sähmaschine beschäftigt. Sie waren wohl zu schüchtern, um mit einem Fremden zu reden, so brach ich das Schweigen. „Ihr Landbewohner“ sagte ich „seid immer fleissig: Daheim stellt ihr Kleidung her und mit Euren Feldern versorgt Ihr uns Stadtbewohner mit Fleisch, Getreide, Früchten und Wein; ohne Euch könnten wir nicht überleben.“

Auf unserem Weg trafen wir eine Menschenmenge, die einem Karren folgte. „Ist das ein Picknick?“ fragte ich. „Nein mein Herr; das ist eine unserer Kapellen, die zurück in die Heimat kommt. Eine andere kam gestern aus Amerika zurück, und diese hier war vielleicht auf dem selben Schiff.“


Die Bewohner der Nordwest-Pfalz sind generell wanderlustig. Die Schuh-Verkäufer aus Pirmasens, die Bürstenmacher aus Ramberg, die Schausteller und Hausierer aus Karlsberg kann man bis über das Rheintal hinaus antreffen. Doch müssen sie sich in Anzahl und Unternehmungslust den Musikanten der Hardt geschlagen geben, die in der ganzen Welt umherstreifen. Sie sind nicht mehr so häufig auf dem Kontinent anzutreffen wie früher, doch ziehen sie nun nach England, ans Kap, Australien, den Vereinigten Staaten, Kanada, Brasilien, Argentinien, und eine Kapelle wagte sich bis nach Chile. Wenn jemals jemand den Nordpol erreicht und dort den unvermeidlichen Pfeife rauchenden Schotten antrifft, kann er sicher sein, dort seine Münzen auch einer deutschen Kapelle aus der Pfalz zuwerfen zu können.
Nach meiner Kenntnis (und ich spreche als Spezialist) gab es nur zwei Kapellen, die nicht aus der Gegend kamen: Eine kam aus Nassau, die andere aus Pforzheim in Baden.
Man hat errechnet dass es zu einem Zeitpunkt über 6000 Musikanten in den Tälern von Lauter und Odenbach und im Glantal, in das beide münden und der sie über Kreuznach in die Nahe, einem Nebenfluss des Rheins, bringt, gibt. In diesen drei Tälern kann ein Reisender problemlos auf Englisch nach dem Weg fragen; und wenn man im Winter, wenn viele Musikanten zu Hause sind, in einem Gasthaus eine zehn-köpfige Gesellschaft antrift, sprechen sicherlich sieben oder acht von ihnen wenigstens eine Fremdsprache. Einzelne Dörfer können zweihundert Musikanten antreten lassen.

Doch sogar ohne Entdeckungsreisen zu machen oder den Lebensraum der Musikanten mit wissenschaftlichen Methoden zu erforschen, bedarf es keines außerordentlichen Spürsinns um ihren Ursprung aus der Musik, die sie spielen, ableiten zu können. Bei jedem, der mit der Straßenmusik jener Zeit schritt hält, enthält die Kammer seiner musikalischen Erinnerung viele einfache Tänze, die den deutschen Kapellen eigen und allen gemein sind. Es sind unveröffentlichte Kompositionen der lokalen Kapellmeister, „Meister“ genannt, und sie werden von einer zur anderen Kapelle weitergereicht. Ein „Meister“ den ich kenne hat mittlerweile sein 300stes Werk erreicht.
Abseits dieser Anekdoten, die hier nicht näher zitiert werden können, war Gungl's „Krieger-Marsch“ ein Werk, das ausnahmslos zum Repertoire jeder kleineren Kapelle gehörte; zwei weitere häufig gespielte Stücke sind die „Abschieds-Polonaise“ von Flotow und der bekannte „Morgenstern“ Walzer des älteren Labitzky, der nun zum Schulstandart gehört.


Der aufmerksame Leser fragt sich natürlich, wie alt diese Musikindustrie ist und was die Bauern der Hardt dazu brachte, diesen Weg einzuschlagen. Obwohl noch nicht in der „Germania“ von Tacitus, die die Geschichte des Landes behandelt, erwähnt, liegen die Ursprünge weiter als die Erinnerung der Lebenden zurück, vielleicht am Beginn des letzten Jahrhunderts. Der Veteran Kilian, um 181514 geboren, versicherte mir, dass es schon vor seiner Geburt umherziehende Kapellen gab. Der Prinz von Leiningen, der erste Ehemann der Mutter von Königin Victoria, holzte vor über hundert Jahren einen Wald in seinem Territorium ab und gründete dort eine Gemeinschaft von Zigeunern, Bettlern und Landstreichern, die das Dorf nach ihm Karlsberg nannten. Die Matzenberger, wie sie in der Umgebung auch genannt wurden, sind in Nah und Fern als Hausierer und Wandermusikanten bekannt und hatten früher einen zweifelhaften Ruf.
Doch müssen umfangreichere politische und wirtschaftliche Gründe vorgelegen haben, um eine ganze Region von Bauern in ein Konservatorium von Straßenmusik zu verwandeln.

Rhein-Bayern, im Vertrag von Luneville 1802 abgetreten, war bis 1815 von Frankreich besetzt. Stiefmütterlich behandelt bei der anschließenden Wiedervereinigung mit Bayern, war die Gegend so abgetrennt vom Mutterland, dass sie bei Handel und Wirtschaft immer zurücklag. Das schnell-wachsende Ludwigshafen und die blühenden Städte Neustadt und Kaiserslautern zeigen die Schnelligkeit, mit der sich die übrige Pfalz seit 1870 entwickelt hatte; doch die Höhen der Hardt, die erst vor 18 Jahren von der Eisenbahn erschlossen wurden, lagen zu weit entfernt, um am wirtschaftlichen Erfolg teilzuhaben.

Die bergige Heimat der musikalischen Bauern ist auch heutzutage nicht so unwirtlich, dass sie ihr Brot auf der Straße verdienen müssen, da sie Getreide, Früchte, Wein und alle anderen Hofprodukte liefert. Vielleicht waren es die armen Feldarbeiter, unzufrieden mit ihrem Lohn von 10s, die sie für eine Woche harter Arbeit (oder schaffen in ihrer eigenen schönen Sprache), die die ersten musikalischen Wanderungen unternahmen; und als sich diese nicht nur als lukrativ sondern auch als interessant und romantisch erwiesen, widmeten sich auch die Söhne der bessergestellten Bauern dieser merkwürdigen Berufung – sicher eine vernünftigere Lösung der Landfrage als Leute hinter Hecken heraus zu erschiessen (?).
Die Musikanten beschränkten sich auf ihren ersten Reisen auf die benachbarten Städte, doch im Laufe der Zeit erweiterten sie ihre Kreise auf ganz Deutschland, Frankreich, Holland und Belgien, bis sie die Häfen der Nordseeküste erreichten: von dort wurden sie vom legendären Reichtum Englands angezogen, und als sie dort waren, waren sie auf der Schnellstrasse in den Rest der Welt.


Während der Abwesenheit der Musiker bearbeiteten ihre sparsamen Ehefrauen den Hof, und die nicht weniger sparsamen Ehemänner schickten Geldanweisungen, um die spärlichen Erträge aufzubessern. Der Höhepunkt des Tages war das Erscheinen des Postboten, und die Frauen versammelten sich unruhig auf der Straße, um ihn zu erwarten.

„Gute Nachrichten von Deinem Mann?“ fragte eine.
„Ja, er spielt in einem Biergarten in Helsinki15 in Finnland und sendet mir 2 Pfund jeden Monat. Er kommt im Herbst zurück.“
„Und wo ist Dein Heinrich?“
„Der ist in Johannesburg und es geht ihm gut; obwohl das Leben dort teuer ist, sind die Leute so großzügig, dass er hofft bei seiner Rückkehr nächstes Jahr ein kleines Vermögen mitzubringen.“
„Ich wünschte, mein Mann wäre auch so nah“ sagte eine andere. „In seinem letzten Brief teilte er mir mit, dass er gesund in Sidney angekommen wäre, doch durch die lange Überfahrt von San Franzisco sind seine Ersparnisse aufgebraucht und er muss ein Jahr in Australien bleiben, um die Rückfahrt bezahlen zu können und noch etwas mit heim zu bringen. Als er in Amerika war, hat er nie weniger als 1 Pfund pro Woche geschickt.“

Von Zeit zu Zeit meinte es das Schicksal nicht so gut, und dem Pfarrer des Ortes fiel die unangenehme Pflicht zu, einer Familie die Nachricht vom Tod eines Musikers in einem fremden Land zu überbringen. Einst starben drei Mann einer Kapelle in Rio de Janeiro am Gelbfieber, und die übrig Gebliebenen gerieten in solche Nöte, dass sie gezwungen waren, den deutschen Konsul um Unterstützung für die Heimreise zu bitten. Zum Schutz vor Krankheit und Tod wurden Unterstützungskassen in vielen Orten gegründet, manchmal mit mehr als 100 Mitgliedern.

Wenn der Herbst kommt werden die Musikanten vom Heimweh befallen – sie nennen es „Hoamweh“. Zur Weinlesezeit kehren sie aus allen Richtungen zurück um den Winter in ihren Heimattälern zu verbringen; viele freudige oder auch traurige Szenen kann man bei ihrer Ankunft erblicken. Die Heimkehr der Musikanten kann gut mit der der Seeleute in unsere kleinen Häfen vor einer Generation verglichen werden. Ein kleiner Junge legt sein erstes Einkommen in den Rockzipfel der Mutter; ein Jüngling hat genug gespart, um seine Braut zu heiraten und einen Bauernhof zu gründen; ein Vater erhält aus den Armen seiner Ehefrau das Neugeborene um es zum ersten Mal zu begrüssen; ein Sohn findet sein Vaterhaus verlassen vor, da seine betagten Eltern während seiner Reise verstorben sind. Und wie Seeleute bringen die Musikanten Trophäen mit, um ihre Häuser zu schmücken – Bilder der Städte, die sie besucht haben, Korallenstücke, Kolibris in ihren Nestern oder seltsame Pflanzen und Tiere. In den ersten Wochen halfen sie beim Einbringen der Ernte, lagerten Brennmaterial ein und bereiteten sich auf den Winter vor; in den langen dunklen Nächten bevölkerten sie die Gasthäuser und teilten bei einem Schoppen oder Seidel ihre seltsamen Erfahrungen aus aller Herren Länder. Ein Musikant lobt die Schönheiten von Stockholm, wo er den ganzen Sommer über am Strömparterren16 spielte. Ein Eßweiler' Kapellmeister erzählt wie er jedes Jahr über Lübeck nach Riga aufbricht, um in Russland aufzutreten. Für die Saison kauft er ein Paar Pferde und einen geschlossenen Wagen, in dem er seine Kapelle unterbringt – wodurch er die Bräuche der alten skytischen Bewohnern des Landes wiederaufleben lässt, die von den Griechen als (… ?) oder Wagenbewohner bezeichnet wurden. Ein anderer erinnert an das Missgeschick einer Kapelle, die in Havanna landete und der es verboten wurde, zu musizieren: Ihr Geld war gerade ungültig geworden. Nur der Großzügigkeit deutscher Einwohner verdankten sie es, über Key West nach New Orleans zu gelangen.

Mit Beginn des Frühlings erwachten die Musikantentäler wieder, und der Kapellmeister arbeitete an der Organisation und der Schulung seiner Kräfte für die kommende Sommersaison. Alter, Tod, Militärdienst, Unfähigkeit und andere Gründe führen zu unbesetzten Stellen in den Kapellen, die neu besetzt werden müssen: Wenn ein benötigtes Instrument nicht in einem Dorf verfügbar war, sah man sich im nächsten Dorf um; wenn ein qualifizierter Musiker am Ende nicht verfügbar war, musste sich der Kapellmeister mit einem Anfänger, der gerade aus der Schule kam, begnügen, der sich schließlich für den benötigten Teil empfahl.
Die Jungen lernen ihre Instrumente genau so wie die Musiker in unseren eigenen Landstädtchen: wenn es bei ihnen zu Hause niemanden gab, der ihnen dabei helfen konnte, ließen sie sich von einem benachbarten Musiker anleiten. Außerdem mussten sie ein paar Worte Englisch lernen, wie „Please to help the band“ oder „Thank you Sir“; aus taktischen Gründen wurden kleine Kinder mit Instrumenten, so gross wie sie selbst, zum Geldsammeln eingesetzt.
Einmal von einem Kapellmeister engagiert genossen sie den Vorteil von regelmäßigen Anleitungen; und wenn sie etwas Talent hatten konnten sie in einer festen Anstellung mit Ratschlägen, Unterkunft, Spesen und einem Lohn zwischen 5 und 18s pro Woche rechnen. Auf diese Weise sind die besseren Kapellen zusammengestellt, die man in unseren größeren Städten und den Kurorten wie Southport antrifft, wo man eine hervorragende 18-köpfige Kapelle aus der Hardt unter der Leitung von Herrn Mersy hören kann. Sein Bruder aus Aschbach, in den letzten 30 Jahren Kapellmeister in Edinburgh, beschäftigte zeitweise 24 Musiker gleichzeitig; und Herr Schneider, der wegen seines Vermögens als der König der Musikanten bezeichnet wird und der in königlicher Pracht in Rossbach lebt, hatte nie weniger als 30 oder 40 Musiker in seinen 3 Kapellen in London.
Nachdem die einzelnen Musiker geprüft waren und sich die Kapelle rechtzeitig zusammen-gefunden hatte, wurde das Zusammenspiel geprobt und die Darbietungen waren den scharfen aber freundlichen Kommentaren der Nachbarschaft ausgesetzt.
Die Kapellmeister nahmen geschickter Weise Stücke ins Repertoire auf, die eine Verbindung zu den Ländern hatten, die man bereisen würde. Wenn sie für Russland verpflichtet waren, bereiteten sie neben der Nationalhymne Stücke wie „Die Nachtigall“, „Der Rote Sarafan“ und „Schöne Minka“ vor; für Schweden übten sie neben der Polksor (?) vielleicht „Krystallen den fina“, „Wermlands Vsa“ oder „Mandom mod och morska man“ ein; und sie glauben, England und Schottland wären nicht zufrieden ohne Schottische Airs oder einer Auswahl aus Sullivans komischen Opern.

Im März oder April ist alles bereit, der Leiterwagen ist beladen mit Gepäck und Instrumenten, und die Musikanten machen sich zu Fuß auf den Weg zum nächsten Bahnhof, begleitet von der Verwandschaft, die sie mit Segnungen und Aufheiterungen auf ihre Reise verabschiedeten. Manchmal benutzten die Kapellen ein Dampfschiff auf dem Rhein und deckten die Kosten für diese Ausgaben, indem sie die Passagiere mit der „Loreley“, dem „Rheinlied“ oder anderen Liedern unterhielten; normalerweise reiste man jedoch mit dem Zug zu einem Seehafen. Zu den Zeiten des jährlichen Aufbruchs versammelten sich nicht weniger als 100 Musikanten täglich in Rotterdam, bereit um unsere Küsten einzunehmen.
In früheren Zeiten wurde die Reise nach Holland oder Belgien meistens zu Fuß unternommen. Als Herr Mersy 1856 zum ersten Mal nach England kam, lief er den ganzen Weg von Aschbach nach Ostende, beinahe 300 Meilen. Heutzutage ist diese altertümlische17 Art zu Reisen auf die kleineren oder minderwertigen Kapellen beschränkt, zu denen ich jetzt noch etwas sagen will.


Nachdem die besseren Musiker von den Kapellmeistern für die größeren Kapellen verplichtet waren, die systematisch unsere Städte abklappern oder Engagements in unseren Kurorten haben, blieben die Übrigen für die kleineren Unternehmungen, die nach dem Grundkapital-Prinzip18 verwaltet werden und die von Ort zu Ort zogen. Manchmal wurden die Frauen und Schwestern der Musiker aufgerufen, die Reihen aufzufüllen; und manch einer hat diese seltsam anzuschauenden Kapellen deutsche Volkslieder in einer vielleicht bäuerlichen Weise aber nicht unangenehm singen und spielen gehört.
In der Regel ist es jedoch abscheulich, wie die Neulinge ausgenutzt werden19. Ihr Leben, wie auch immer, ist menschlich und vielleicht auch musikalisch gesehen interessant. Doch obwohl sie nur wenig Geld verdienen, müssen sie viele Schmähungen und Elend ertragen. Die besseren Musikanten haben immer ein Heim; sie haben eine gute Wohnung, ausreichend zu Essen und werden gut bezahlt. Die Umherziehenden verdienen weniger, wohnen in gewöhnlichen Pensionen und haben nur unregelmäßige Mahlzeiten.

Eine Unterhaltung, die ich einst mit einem Klarinettisten einer außergewöhnlich übelklingenden Kapelle führte, bringt vielleicht etwas Klarheit über ihre Lebensweise. Unser Gespräch mit einem beschwichtigenden Sixpence eröffnend, fragte ich

Wie lange waren Sie in Edinburgh?“
„Zwei Monate.“
„Wo waren Sie im Sommer?“
„Wir zogen weit in den Norden bis Höhe von Invergordon.“
„Reisten Sie mit dem Zug?“
„Nein, das konnten wir uns nicht leisten; Wir gingen den ganzen Weg zu Fuss.“
„Woher kennen Sie die Strasssen und die besten Plätze zum Spielen?“
„Wir waren schon oft in Schottland und fühlen uns dort wie zu Hause.“
„Doch wie machten Sie das beim ersten Mal?“
„Mein Vater, der viele Jahre in Glasgow war und mit seiner Kapelle auf dem Oban Dampfschiff spielte, kennt Schottland und alle lohnenden Ziele dort gut; er gab mir viele Ratschläge bevor wir die Heimat verliessen.“
„Aber was wäre gewesen, wenn Sie sich in den Highlands verlaufen hätten und in die Moore geraten wären, wo es niemanden gibt, für den Sie spielen könnten?“
„Wir haben eine Karte, und die Leute in unserem Nachtquartier zeigten uns die Richtung jeden morgen, bevor wir loszogen,“ Hier zog der Musikant seine Landkarte hervor us zeigte mir die Route, der sie folgten.
„Wie fanden Sie ein Nachtquartier?“
„Wir können genug Englisch um zu fragen. Und wenn es kein Quartier gab, übernachteten wir draussen.“
„Wieviel zahlten Sie für eine Übernachtung?“
„Vier oder sechs Pence pro Kopf.“
„Woher kommen Sie?“
„Wir kommen aus der Nähe von Wolfstein in der Rheinpfalz.“
„Wie gelangten Sie nach England?“
„Wir fuhren mit dem Zug nach Rotterdam und setzten von dort nach Harwich über.“
„Wie lange dauerte von dort die Reise bis Edinburgh?“
„Drei Monate. Wir zogen kreuz und quer durch England und spielten auf dem ganzen Weg.“
„Wie nahmen Sie ihre Mahlzeiten auf dem weiten Weg ein?“
„Wir nahmen ein gutes Frühstück in unserem Quartier bevor wir weiterzogen. Mittags kauften wir Brot und Käse. Und am Abend kochten wir etwas, so dass wir wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag hatten.“
„Haben Sie keine Angst von den Männern, die das Geld einsammeln, betrogen zu werden?“
„Nein; wir sind alle Nachbarn zuhause und wir können einander vertrauen. Unsere Leute sind selten unehrlich. Aber ich habe von Kapellen gehört, in denen die Männer sich misstrauen, und es dauert Tage das Geld einzusammeln18.“

So ist das Leben der deutschen Musikanten, ein ausgefallenes Leben, aber vielleicht so glücklich wie Ihres oder meines. Denken sie freundlich von ihnen, wenn sie an Ihnen vorbeikommen, und missgönne ihnen nicht einen Copper für die „Gudefrau“ zu hause; und wenn Sie jemals in der Pfalz sind versäumen Sie es nicht diesen altmodischsten Platz und die einfachsten und freundlichsten Menschen auf der Erde zu besuchen. Es leben die Musikanten. „Fröhlich Pfalz, Gott erhalt's“

George B. Gardiner


Anhang: Fußnoten, Anmerkungen:

1„ "paddle our own canoe“: Unabhängig bleiben. Auf eigenen Füssen stehen
2 Sir Alexander Campbell Mackenzie, Komponist, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Mackenzie_%28Komponist%29
3 Wahrscheinlich aus „La Muette de Portici“ von Daniel-François-Esprit Auber, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/La_Muette_de_Portici
4„ Mr. Lowe“: unbekannt, wen George Gardiner damit meint
5„ La Somnambula“ - Oper von Bellini
6„ "and many a street and many a lamp had for me its musical history“
7. Lajos Kossuth - http://de.wikipedia.org/wiki/Lajos_Kossuth
8 Abkürzungen für Währungen: 1d = 1 englischer Penny, 2s = 2 Shilling
9http://en.wikipedia.org/wiki/Apollo_Musagettes
10 Nicht 1868 wie im Artikel behauptet, eventuell unsauberes Original, das zum Einscannen und für OCR benutzt wurde
11 Abkürzungen für Währungen: 1d = 1 englischer Penny, 2s = 2 Shilling
12 Abkürzungen für Währungen: 1d = 1 englischer Penny, 2s = 2 Shilling
13Démophoon von Cherubini, veröffentlicht 1788 in Paris, - Text nach Pietro Metastasio v. Jean François Marmontel, http://de.wikipedia.org/wiki/Cherubini
14 Hubertus Kilian, geboren 1827 in Jettenbach, gestorben 1899 in Eßweiler
15 Im Original Helsingfors = schwedischer Name von Helsinki
16 Strömparterren – Platz in Stockholm
17 Im Original apostolisch
18 Es ist mir etwas unklar, wie diese Kapellen genau organisiert waren: joint-stock principle hat heutzutage was mit Aktien und Unternehmensformen zu tun.
19 To play (playing im Original) kann auch mit „Ausnutzen“ übersetzt werden
20 Das ist etwas unklar. Original: „... but I have heard of bands in which the men suspected each other, and took day about in collecting the money”

 

Dieser Artikel erschien 1902 in Blackwood's Edinburgh Magazine, Volume 172.
Das eingescannte Original dieser Übersetzung ist unter http://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=umn.319510019069896;view=1up;seq=9 zu finden. Der Artikel beginnt auf Seite 451. Übersetzung von Dieter Hahn, Eßweiler, Korrekturen von William Gilcher, Washington D.C., USA

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