Eßweiler als Musikantendorf und Eßweilerer Wandermusikanten

Essweiler war eines der Hauptmusikantendörfer zwischen ca. 1830 und 1930. Die ersten beiden "Musikanten zu Essweiler" wurden 1839 (Daniel Kilian) und 1840 (Jakob Samsel) in Kirchenbüchern und Standesamtsakten erwähnt (2). In den Anfängen des Eßweilerer Musikantentums zogen die Musikanten vor allem nach Frankreich und auch nach England, später in die ganze Welt. Zwischen 1861 und 1922 sind in der Statistik der ausgestellten Wanderscheine im Musikantenlandmuseum Kusel 185 Männer und 4 Frauen als Wandermusikanten aus Essweiler aufgeführt, in dieser Statistik fehlen aber noch etliche Wandermusikanten aus Essweiler. Insgesamt kamen 3,21% der Westpfälzischen Wandermusikanten aus Eßweiler ,1913 waren 27.89% der Familien in Essweiler Musikantenfamilien (3).
Die Musikanten bereisten die Länder und Kontinente Belgien, England, Schweiz, Holland, Amerika, Norwegen, Russland, Sibirien, Asien, Schweden, Finnland, Luxemburg, Italien, Frankreich, Dänemark, Kanada, Nord-Amerika, Österreich, Ungarn, Griechenland, Brasilien, USA, Australien, Argentinien, Rumänien, Süd-Amerika. Bulgarien, Portugal, Türkei, Bosnien, Schottland, Uruquai und Afrika (4). Die Musikanten schlossen sich zu "Partien" oder auch "Banden" zusammen, um ins Ausland zu ziehen und dort mit Musik ihr Geld zu verdienen. Es gab zwei bekannte "Meister" aus Essweiler die mit ihren Partien umherzogen, nämlich Hubertus Kilian und Michael Gilcher. 
Meistens trafen sich die Eßweilerer und auch auswärtige Musikanten die gerade in der Heimat waren am 2. Oktoberwochenende zur "Musikantenkerwe"in Eßweiler, um dort schon ihre Partien zusammenzustellen, über Winter zu üben und dann im Frühjahr, kurz nach Ostern ins Ausland zu gehen und Musik zu machen. Es gab Musikanten die ohne ein bestimmtes Ziel umherzogen und solche, die schon genau wussten wohin sie wollten, und im Ausland ein festes Engagement in einem Theater oder einem Hotel hatten, wohin sie dann meistens mehrere Jahre immer wieder hinzogen. Die meisten Musikanten verdienten in der Fremde mehr Geld als sie in der Heimat als Musiker oder auch in einem anderen Beruf verdient hätten. Sie schickten das Geld an ihre Familien die Zuhause geblieben waren und die Bauernhöfe bewirtschafteten die den Musikanten gehörten, denn das Ziel vieler Musiker war es Zuhause genug Land zu erwerben um davon Leben zu können und nicht mehr herumziehen zu müssen. Die Söhne lernten von ihren Vätern das Musizieren und sie zogen auch später mit den Kapellen der Väter durchs Land, bis sie auch von anderen Meisten verpflichtet wurden. Normalerweise herrschte Ordnung in den Kapellen und die Mitglieder konnten sich aufeinander verlassen, aber es gibt auch Gegenbeispiele, was ein Ausschnitt aus dem Bericht "Jugendliche auf den Wanderwegen pfälzischer Musikanten" von Albert Zink zeigt:

An den Porpeln erkrankt

Im Herbst des Jahres 1863 erhielt die Witwe des Jakob Bartholomä in Eßweiler folgenden Brief aus Swansee in Südwales:

"Liebe Mutter und Geschwister ! Liebe Mutter, seid so gut und schickt mir Geld, daß ich nach Hause kommen kann; denn ich war schwer krank an den Porpeln, so daß ich acht Wochen gelegen hab. Ich will nach Hause kommen; denn sie haben mirs so gemacht. Sie holen mich nicht; denn ich kann nicht gehen; denn ich bin zu matte in meinen Beinen; denn ich habe kein Geld für die Frau zu bezahlen.
Peter Bartholomä in Eßweiler 1863."

Was war geschehen? Peter Bartholomä war im Frühjahr 1863 mit Jakob Biedinger aus Rothselberg nach England gegangen. Da er der Truppe im Sommer des gleichen Jahres nicht mehr folgen konnte, weil er an den Blattern erkrankte, wurde er in Swansee zurückgelassen. Die Gemeinde erbarmte sich seiner und stellte ihn bis zum 19. November wieder her. Er sollte aber nicht eher den Ort verlassen, bis die Verpflegungskosten von 6 Pfund und 15 Schilling bezahlt waren. Der Konsul streckte den Betrag vor, holte ihn nach London und schob ihn mit dem nötigsten Reisegeld versehen, am 26. November 1863 über Rotterdam nach Deutschland ab.

Am Anfang waren die Kirchen gegen das Wandermusikantentum. Das Pfarramt Weilerbach gab in Speyer zu bedenken: "das sich die Musikanten in den verdächtigsten Häusern der größten Städte Frankreichs herumtrieben und mit den verderblichsten Grundsätzen zurückkehrten. Die moralischen Schäden könne weder der Lehrer, noch der Pfarrer ausgleichen. Aus den Orten Horschbach, Essweiler und Oberweiler, vor allem aber aus Jettenbach seien im Jahre 1841 allein 80 bis 90 solcher wandernder Musiker unterwegs, ein Unfug, der einem Pestübel gleichkomme und ausgerottet werden müsse (5)." 
Und der Bosenbacher Pfarrer Christian Böhmer klagt in seinen Jahresberichten von 1871 bis 1875 über "das vagabundierende Musikantenunwesen, besonders in Essweiler, das epidemisch um sich frisst und sehr demoralisierend wirkt" Aber weiter schreibt er: "Doch erfordert es die Gerechtigkeit zu erwähnen, dass manche Musikanten wirklich kirchlichen Sinn, ja christliche Erkenntnis zeigen und einige zu den wohlhabendsten Gemeindemitgliedern Essweilers gehören (6)." Trotz diesen anfänglichen Bedenken entwickelten sich die Musikanten zu angesehenen Gemeindemitgliedern. 
1858 wurde der Eßweilerer Musikverein gegründet, der wie die Vereine in anderen Orten dazu diente "1. das Musikalische Verständnis der Musiker in der Heimat zu verbessern durch intensives Üben im Orchesterverband, 2. soziale Hilfe anzubieten (Sterbekasse, Krankenkasse) und 3. auf die Standesehre bedacht zu sein (7).

in Kürze:

  • in Eßweiler gab es Wandermusikanten zwichen 1840 und 1930
  • Zwischen 1861 und 1922 gab es 183 Männer und 4 Frauen die das Gewerbe ausübten.
  • 3,21% der Wandermusikanten kamen aus Eßweiler
  • Bekannte Meister aus Eßweiler waren Hubertus Kilian und Michael Gilcher
  • Ziel der Musiker: Zuhause so viel Land zu kaufen um davon leben zu können und nicht mehr herumziehen zu müssen.
  • Am Anfang waren die Kirchen gegen das Wandermusikantentum
  • Später waren Wandermusikanten angesehene Gemeindemitglieder.
  • 1885 wurde der Eßweilerer Musikverein gegründet. 
  • Musikvereine dienten dazu :
    • das musikalische Verständnis der Musiker in der Heimat zu verbessern
    • soziale Hilfe anzubieten (Sterbekasse, Krankenhasse)
    • auf die Standesehre bedacht zu sein.