Deutsche Auswanderungen nach Brasilien |
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Von Friedrich Hüttenberger
Dass Tausende von Hunsrückern in den 1820-er Jahren nach Rio Grande do Sul in Brasilien auswanderten, ist wohl bekannt. Auch dass Pfälzer Familien darunter waren, weiß man. Dass sich damals aber auch viele Familien aus dem Westrich, vor allem aus dem Landstrich zwischen Eßweiler Tal und Kusel in São Paulo ansiedelten, war hier lange unbekannt und in Brasilien in Vergessenheit geraten. Erst vor kurzem kamen die Umstände einer verheimlichten Auswanderung von knapp 200 Westrichern ans Licht.
Mit einem „Deutschen Fest“ (Colônia Fest) feiert man in diesen Tagen (Ende Juni 2009) in São Paulo das 180-jährige Jubiläum der deutschen Einwanderung in diesen Staat. Nicht wenige Einrichtungen São Paulos gehen auf deutsche Gründungen zurück, so z.B der Club Pinheiros, der als Sportverein „Germania“ anfing, die Humboldt-Schule oder die Schule Visconde de Porto Seguro, die als „Deutsche Schule“ gegründet, heute unglaubliche 10.500 Schüler hat, darunter auch zwei deutsche Züge. Ihr angeschlossen ist das Institut Martius-Staden, das sich als Bibliothek und Archiv der Pflege deutscher Kultur und Geschichte widmet.
Zu der 180-Jahr-Feier hat dieses Institut eine umfangreiche Wanderausstellung mit Fotos, Texten und Dokumenten, auch aus dem Kreisarchiv Kusel stammend, zusammengestellt. Die Eröffnung der Ausstellung war Teil eines großen Festaktes in dem Vorort Colônia, wo 1829 die Pfälzer Siedler Land zugewiesen bekamen.
Der feierliche Festakt, eingeleitet durch die deutsche und brasilianische Nationalhymnen, umrahmt von einem großen Symphonieorchster und Chören, hatte nicht nur für die heutigen Nachkommen der damaligen deutschen Siedler einen großen Stellenwert, sondern auch für Brasilianer. Immerhin gab die brasilianische Post eine Sondermarke zu dem Ereignis heraus und der Oberbürgermeister der 16-Millionen-Metropole São Paulo, Gilberto Kassab, hielt eine beachtenswerte Ansprache an die etwa 300 Festgäste, in der er die Einwanderung würdigte und auf das brasilianische Modell des friedlichen Zusammenlebens zwischen allen Einwanderungsnationalitäten hinwies.
Das deutsche Konsulat war vertreten, ebenso wie die katholische Kirche und die Synode der
lutheranischen Kirche Brasiliens.
Als Repräsentant der Region Hunsrück und Pfalz erläuterte Friedrich Hüttenberger aus Kaiserslautern
die historischen Hintergründe der Auswanderung, die für viele anwesenden Nachkommen deutscher
Siedler interessante Erkenntnisse bot. Er überreichte dem Präsidenten der deutschen
Kolonisten-Vereinigung (Associação Cívica Colônia Alemã) Mario Reimberg-Christe das Wappen der
Ortsgemeinde Eßweiler im Namen des Ortsbürgermeisters Peter Gilcher. Es waren nämlich aus
Eßweiler und Umgebung 1827 viele Familien ausgewandert, deren Nachkommen heute wieder an ihren
Wurzeln interessiert sind und vereinzelt schon Eßweiler und das Kuseler Land besucht haben.

Übereichung des Wappens der Ortsgemeinde Eßweiler an den Präsidenten der deutschen Kolonisten-Vereinigung (Associação Cívica Colônia Alemã) Mario Reimberg-Christe
durch Friedrich Hüttenberger
Aus Eßweiler waren es damals z.B. der Soldat und Schuster Johannes Gilcher, der in dem kleinen Haus hinter der Eßweiler Kirche gewohnt hatte und als Knecht der Familie Jacob Walter und Anna-Maria Schuck nach Brasilien zog, die ledige Philippina Schreck, Daniel Samsel mit seiner Frau Charlotte Kilian, die unterwegs auf dem in einen Orkan geratenen Schiff Maria Helena starb, sowie Philippine Kilian , verwitwete Böber mit ihren 5 Kindern, die zuletzt in Elzweiler gewohnt hatte. Aus Eßweiler stammte auch Heinrich Gilcher, der zuletzt in Bosenbach verheiratet war und sein Schwiegersohn Johannes Pfeiffer. Weitere Familien kamen aus Ulmet, Erdesbach, Dennweiler- Frohnbach, Neunkirchen, Altenglan, Kusel, Friedelhausen, Bedesbach, Hüffler, Neunkirchen, Offenbach am Glan und Rammelsbach. Alle waren sie in der Nacht vom 6. auf den 7. November 1827 „heimlich“, d.h. ohne Erlaubnis ausgewandert.
Heute, 180 Jahre danach, haben sich die Nachkommen der Pfälzer Siedler teils im ganzen Staat São Paulo ausgebreitet, teils leben sie immer noch auf dem Land, das ihre Vorfahren als Kolonie urbar gemacht haben. Zunächst war pfälzisch gesprochen worden – Schule, Lehrer oder Pfarrer gab es nicht für die Siedler in Santo Amaro -, erst in der dritten Generation lernten die Kinder Portugiesisch. Im 20. Jahrhundert gab es eine Zeit, in der Portugiesisch als Staatssprache durchgesetzt werden sollte und die Herkunftssprachen in der Öffentlichkeit bei Strafe nicht gesprochen werden durften. Dadurch ging der Gebrauch des Deutschen in den Familien weitgehend verloren.
Bei einem Besuch des Verfassers bei einer Bauern-Familie Helfstein (früher Helfenstein), unter
deren Vorfahren auch Guilger (Gilcher) und Rockumback (Rockenbach aus Simmern) sind, und die weit
abseits jeder Ansiedlung eine große Baumschule mit Buchsbäumchen und Lebensbäumen betreiben, waren
die einzigen Worte, die sich noch im täglichen Gebrauch gehalten haben, die Worte „Brot“, „Speck“
und „Kassel“ (Kassler Fleisch), obwohl es ja auch portugiesische Begriffe dafür gäbe. Das
schmackhafte Brot wird natürlich noch selbst gebacken.
Neben dem Bauernhaus steht ein kleines Kapellchen. In Ermangelung eines evangelischen Pfarrers und
in Anbetracht der Tatsache, dass die Evangelischen nicht auf einem katholischen Friedhof beerdigt
werden durften, sind die meisten Pfälzer oder Hunsrücker Familien dort katholisch geworden. Von
einem Einwanderersohn ist folgender Ausspruch mundartlich in der deutschen Zeitung „Germania“
(1928) festgehalten:
„Sind Sie katholisch, Herr Gilger?“
„Mir worn lutherisch, se han uns ober dann ä de Kärche katholisch getäft. Ja, ja - mir wäss gor
nie wie schnell dos kummt.“
Allerdings wurde auch 1844 ein protestantischer Friedhof auf gekauftem Land angelegt, der zeitweise arg vernachlässigt war, heute aber von einem Friedhofsverein und der Kolonistenvereinigung sehr gut gepflegt wird. Dort kann man heute noch die Grabsteine oder schwere gusseiserne Grabkreuze von einzelnen Westricher Auswanderern finden, z.B. von Pedro Reimberger (Peter Rheinberger) aus Erdesbach (1811-1880), oder Catharina Gottfried aus Rammelsbach (1822 – 1887). Rund um den Friedhof im Zentrum von Colônia wird das Andenken an die deutschen Einwanderer gepflegt, - durch eine Gedenktafel, durch eine permanente Foto- und Dokumentenausstellung in einem Cafe, das ein japanischer Einwanderernachkomme betreibt, und vor allem durch eine private Schule, die von der Vereinigung der Kolonisten für die einfache Vorortbevölkerung gegründet wurde und betrieben wird.
(Text und Bilder stammen von Friedrich Hüttenberger Weitere Informationen zu den pfälzer Auswanderungen und zur Familie Gilcher findet man seiner Website unter www.huettenberger.homepage.t-online.de)
Google Earth Koordinaten von Santo Amaro, São Paulo: 23°38'60.00"S 46°42'0.00"W
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| 12. Juli 2009, webmaster@essweiler.de | |